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Komposition mit KI – Der Leica camera Blog

Komposition mit KI – Der Leica camera Blog


Der Leica Store und die Galerie Stuttgart feiern ihr fünfjähriges Bestehen mit der Gruppenausstellung People. Vom 8. November 2024 bis 18. Januar 2025 zeigt die Ausstellung verschiedene Ansätze des klassischen Porträts und umfasst fünf Bildserien von Claus Rudolph, Alwin Maigler, Dennis Kupfer, Alex Schwander und Ingrid Hertfelder. Besonders herausragend: Hertfelders Porträts des Ensembles des Schauspiels Stuttgart, die mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) erschaffen wurden.

Erzählen Sie uns etwas über das Projekt.

Es war schon immer mein Traum, ein Schauspielensemble zu porträtieren. Dass ich zu einem so umfangreichen Projekt fürs Spielzeitbuch einberufen werden würde, hätte ich nicht ahnen können. Der Intendant des Schauspiels Stuttgart, Burkhard Kosminski, kam mit der Idee auf mich zu, die Schauspielerinnen und Schauspieler im Greenscreen-Studio zu porträtieren und das Porträt mit Hilfe von KI in ihren jeweiligen Sehnsuchtsort zu montieren. Ich fand diese Idee überaus spannend, da dadurch sehr persönliche Aussagen transportiert werden können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Projekt mittels künstlicher Intelligenz umzusetzen?

Die Idee das Projekt mit Hilfe von KI umzusetzen stand durch das Vorgespräch mit Burkhard Kosminski bereits fest. Für das Schauspiel Stuttgart war dieses Projekt der Beginn einer sehr viel größeren und langfristigen Auseinandersetzung mit der Nutzung von KI. Beim ersten Treffen mit den Studierenden des Masterstudiengangs Audiovisuelle Medien der Hochschule der Medien Stuttgart besprachen wir die Umsetzung des Projekts. Die Studierenden bestärkten die Idee, bei der Beschreibung der Sehnsuchtsorte die Fantasie schweifen zu lassen. Dies eröffnete den Raum zu fantasievollen neuen Dimensionen, da Orte erschaffen werden konnten, die es in unserer Welt nicht gibt.  Wie sich herausstellte, gab es einiges zu bedenken, und die Vorbereitungen waren an Komplexität kaum zu übertreffen. Für ein Testshooting erstellten die Studierenden über die KI erste beeindruckende Fantasiewelten. Zwei Wochen später fand das Testshooting im Studio mit Greenscreen statt. Mittels Live-Key war es möglich, das Porträt  während des Shootings in den Hintergrund zu projizieren, was nicht nur dem Team, sondern vor allem den Schauspielerinnen und Schauspielern beim Shooting half.

Bei dem Projekt kam die Vorstellungskraft vieler Menschen zusammen. Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Ensemble sowie den Studierenden der Hochschule der Medien Stuttgart?

Die Zusammenarbeit war sensationell, da alle Beteiligten all-in waren. Am Ende des Tages war es eine hochkomplexe sechsmonatige Zusammenarbeit. Die zwölf Studierenden übernahmen die Bildgenerierung und alle technischen Aspekte des Shootings. Dadurch konnte ich mich voll und ganz auf die Emotionalität der Szenen konzentrieren und mich entsprechend darauf vorbereiten. Ich besuchte so viele Theatervorstellungen wie möglich. Das Ensemble kannte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht; es war mir wichtig, dass sie sich am Set wohlfühlen und dem Konzept und mir vertrauen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler schickten uns schließlich Texte, in denen sie ihre Sehnsuchtsorte beschrieben. Die Studierenden übersetzten diese Texte dann für die KI. Roman Scheremetiew, der Leiter der Kommunikation am Schauspiel Stuttgart, machte Unmögliches möglich bei der Koordination und der Organisation des Projekts, und die künstlerische Betriebsdirektorin Bettina Klorek erbrachte eine Meisterleistung, die Verfügbarkeit der Schauspieler mit unserem fünftägigen Shootingplan zu vereinbaren.

Die Bildwelten zeigen sowohl Utopien als auch Dystopien …
Für mich ist es besonders schön zu erleben, wie KI die Möglichkeiten erweitert, die Vorstellungskraft sichtbar zu machen. Die abgebildeten Landschaften, Räume und Welten hätten viel Zeit und Geld gekostet, wenn wir Sets dafür hätten bauen müssen. Der Filmemacher Max Walter erstellte während der fünf Tage ganz großartige Behind-the-Scenes-Videos und -Stills. Zu jedem Bild gibt es ein einminütiges Video, in dem die Darstellerinnen und Darsteller ihre jeweiligen Sehnsuchtsorte erläutern. Mir war das Voiceover sehr wichtig. Das Ensemble wusste im Vorfeld nicht, dass wir sie während des Shootings darum bitten würden, so waren die Aussagen spontan und authentisch. Die Videos sind auf dem YouTube-Kanal des Schauspiels Stuttgart und auf meiner Website abrufbar. Dort erfährt man die Hintergründe zu den jeweiligen Sehnsuchtsorten.

Was ist Ihr ästhetischer Ansatz oder Ihre Inspiration?
In meiner Kunst bin ich sehr minimalistisch, geradezu puristisch unterwegs. Das mag im Rahmen dieses Projekts widersprüchlich erscheinen, war es für mich aber nicht. Musik ist immer eine verlässliche Inspirationsquelle für mich. So erstellte ich für jede Szene eine Playlist. Durch die spezifische Musikauswahl konnte ich den Fokus gezielt auf die jeweilige Emotion ausrichten. Somit hat jedes Porträt etwas sehr Klares und Pures in der Emotionalität, der Bildhintergrund gehört einfach dazu.

„Dank KI sind wir bald alle arbeitslos.“ Wie stehen Sie zu dieser provokanten Aussage?
Interessanterweise habe ich diese Diskussion zurzeit fast täglich. Auf dieses Projekt bezogen, war die KI ein sehr gutes und notwendiges Werkzeug, um die Hintergründe zu erstellen. KI hat es uns erlaubt, unsere Imagination ausschweifen zu lassen und sichtbar zu machen. Mit Sicherheit ist dies etwas, das vor ein paar Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Wir haben aber niemandem die Arbeit genommen, weil das Budget für umfangreiche Sets schlicht nicht vorhanden war. Die großartige Zusammenarbeit im Team war Ausgangspunkt sowie Dreh- und Angelpunkt des Projekts. Die Konzepterstellung, die Planung, das Shooting an sich, die Nachbereitung: Dahinter stecken undenkbar viele analoge Schritte. Ich glaube, es ist wie bei allem anderen auch: Man sollte einen achtsamen Umgang mit mit KI wahren, sowohl beim Verwenden einer Software als auch beim Konsumieren KI-generierter Inhalte.

Sie haben sich für die Studiofotografie für eine Leica Q3 entscheiden. Warum?
Die Q3 erlaubte es mir, fantastische Landschaftsaufnahmen zu erstellen. Da wir es hier in den Bildwelten ebenfalls mit Panoramen zu tun haben, fand ich, dass die 28-mm-Weitwinkeloptik dieser Kamera das perfekte Instrument ist. Zudem ist sie so klein, dass sie an unserem Set fast verschwand und für das Ensemble also kaum sichtbar war.

Welche Herausforderungen gab es während des Projekts?
Das Projekt in seiner Dimension war eine Gesamtherausforderung. Alle Beteiligten betraten hier neues Territorium. Daher war es auch sehr prozesshaft – interessanterweise ist dies ja eine Eigenart jeder Theaterinszenierung. Man hat eine Vorstellung von etwas, aber kann nie im Detail vorausplanen, wo man am Ende ankommt. Die KI konnte schließlich auch nur Interpretationen der beschriebenen Welten der Schauspielerinnen und Schauspieler liefern. Jedes Bild ist somit ein Stück weit ein Kompromiss.
Meine größte Herausforderung war, die Energie stetig oben zu halten – an fünf direkt aufeinanderfolgenden Shootingtagen zu jeweils zehn Stunden. Wir hatten im Schnitt jeden Tag sechs Porträts, das heißt sechs verschiedene Lichtszenarien, sechs Charaktere, sechs verschiedene emotionale Welten. Abzüglich Licht- und Kameraumbauten blieben uns im Schnitt 30 Minuten pro Person. Es war wie ein Eintauchen in verschiedene Filme. Sich jedesmal neu einzustellen und präsent zu sein war Abenteuer, Challenge und purer Spaß.

 

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Biografie
Ingrid Hertfelder ist eine deutsche Fotografin. Ihre Arbeiten erkunden die Wahrnehmung der menschlichen Existenz als Teil der Natur und ihrer Gesetze. Innerhalb dieses Themenbereichs nimmt sie Bezug auf Spiritualität, Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie.

2004 begann sie ein Praktikum als Meisterschülerin des Fotografen Frank Stewart in New York City. 2005 erhielt sie ein Stipendium zum Studium der Fotografie am Savannah College of Art and Design, das sie 2008 abschloss. Sie verbrachte insgesamt elf Jahre in den USA, wo sie neben ihren freien Projekten vornehmlich als Porträt- und Werbefotografin in New York und Los Angeles tätig war. In dieser Zeit lag ihr Schwerpunkt im Bereich der afroamerikanischen und afrokubanischen Musik, Kunst und Kultur und ihrer Geschichte. Seit ihrer Rückkehr nach Süddeutschland im Jahr 2016 hat Hertfelder zahlreiche Ausstellungs- und Buchprojekte realisiert. Ihre Arbeiten sind in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten.

Mehr Informationen über die Fotografin finden Sie auf ihrer Webseite oder Instagram-Kanal.





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