LEICA HALL OF FAME AWARD 2024
Im Rahmen der diesjährigen Celebration of Photography erhielt Herlinde Koelbl am Abend des 10. Oktobers 2024 in Wetzlar den Leica Hall of Fame Award. Die begleitende Ausstellung in der Leica Galerie Wetzlar präsentiert rund 50 Arbeiten, unter anderem Aufnahmen aus den Werkgruppen Künstlerporträts, Schlafzimmer und auch Porträts von Angela Merkel aus der Serie Spuren der Macht. Als Leica Picture of the Year 2024 ist ein Motiv aus ihrer jüngsten Serien Metamorphosen ausgewählt, bei der die Fotografin der Schönheit von Vergänglichkeit in Form verwelkender Blumen auf der Spur ist.
Die aktuelle Ausstellung in der Leica Galerie Wetzlar zeigt einen Ausschnitt aus Ihrem umfangreichen Lebenswerk, von der frühen Arbeit Feine Leute bis zur Metamorphosen-Serie. Ist Ihnen eine Bildgruppe besonders wichtig?
Jedes Thema, das ich bearbeitet habe, ist mir wichtig. Was mir bedeutend und gesellschaftlich relevant erschien, habe ich begonnen. Immer ohne Auftrag, ohne Verlag, immer auf eigenes Risiko. Doch hervorheben möchte ich das Projekt Jüdische Porträts, für das ich jüdische Persönlichkeiten, die den Holocaust überlebt hatten, auf der ganzen Welt porträtiert und in langen Gesprächen interviewt habe. Es war eine beeindruckende Erfahrung.
Die genaue Beobachtung steht immer im Zentrum Ihres Werks, vor allem bei den Porträts.
Ja, lange vor der Fotografie habe ich mich mit Verhaltensforschung beschäftigt. Deshalb war mir Körpersprache immer sehr wichtig und ein Schlüssel zu den Menschen. Ich finde es spannend, was Menschen durch Körpersprache erzählen. Sich ganz auf den zu Porträtierenden einzulassen und zuzuhören ist entscheidend. Ja, auch bei der Fotografie muss man zuhören und sein Ego zurücknehmen können. Das Gegenüber ist immer das Wichtigste. Leidenschaft und Disziplin gehören ebenso zur Fotografie, um lange Themenstrecken zu bewältigen und durchzuhalten.
Joseph Beuys
‚Feine Leute‘ (High Society)
‚Feine Leute‘ (High Society)
© Herlinde Koelbl
Wichtig für Ihre Arbeit sind nicht nur die Fotografien, die Sie für jede Serie zusammenstellen, sondern auch die begleitenden Texte und Videos. Warum?
Fotografie und Interviews sind für mich oft gleichgewichtig. Denn es ist eine zweite Form der Erzählung mit Worten, mit der ich über die Welt der Menschen erzählen kann. Somit werden die Menschen in ihrer Ganzheit sichtbar, physisch und psychisch. Schon bei Das Deutsche Wohnzimmer gab es Text, der immer auch autorisiert war. Videos wurden insbesondere bei meiner Serie Spuren der Macht wichtig, weil mich nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Haltung und Veränderung interessierte, die sich offenbar automatisch einstellt, wenn man immer in der Öffentlichkeit steht und an der Macht bleiben will.
Bei der Serie Spuren der Macht sind Sie Politikern, Verlegern oder Prominenten sehr nahegekommen. Wie viel Nähe, wie viel Distanz schätzen Sie?
Bei den Politikern war es ganz entscheidend, Distanz zu halten, weil man sonst nicht mehr objektiv berichten kann. Ich habe meine Interviewpartner einmal im Jahr besucht, ich war sehr gut vorbereitet, ich habe das ganze Jahr verfolgt, was über sie zu lesen war und was sie sagten. Dann habe ich sie fotografiert, habe das Gespräch mit ihnen geführt und bin wieder gegangen, entschwunden für ein Jahr. Die Distanz blieb immer gewahrt. Natürlich ist durch das Fotografieren eine Nähe entstanden, man lernt den anderen besser kennen. Man muss sich in den anderen enorm hineindenken, das ist das Entscheidende.
Robert Menasse; From the series ‚Writers‘ 1996 – 1998
Günter Grass; From the series ‚Writers‘ 1996 – 1998
Angela Merkel
Angela Merkel 1995
Angela Merkel 1995
Angela Merkel haben Sie über 20 Jahre fotografiert. Was war das Besondere an dieser langen Begleitung?
Es war faszinierend zu sehen, wie aus der Wissenschaftlerin eine Politikerin wurde. Am Anfang noch sehr ungelenk und unerfahren, weil sie Öffentlichkeit noch nicht gewohnt war. Doch mit der Sicherheit in ihrem Amt und mit der Erfahrung hat sich auch ihre Körpersprache verändert, die immer selbstbewusster wurde. Dass ich jedes Jahr einen Porträttermin bekommen habe bei Angela Merkel, war eine Besonderheit, und das über einen Zeitraum von 30 Jahren. Denn als Politikerin und dann als Kanzlerin hat sie akzeptiert, dass sie ständig fotografiert oder gefilmt wird, aber sie mochte es nicht.
Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Leica Hall of Fame Award?
Ich habe den Menschen in seiner ganzen Vielfältigkeit fotografiert und vieles von der Welt erst durch meine Kamera kennengelernt. Ich freue mich, dass durch diese Ehrung nun auch das Werkzeug, meine Leica, mit der viele meiner Bilder entstanden sind, sichtbar wird.
Welche Leica Kameras haben Sie für Ihre Serien genutzt und gibt es besondere Momente, an die Sie sich erinnern?
Ich habe den Weg von der M-Kamera zu den R-Kameras von Anfang an miterlebt. Das war hin und wieder aufregend. Was ich immer an meinen Kameras geschätzt habe, waren und sind die fantastischen Objektive, die nicht zu überbieten sind. Abenteuerlich waren manchmal auch die Erlebnisse, die meine Kamera und ich in den abgelegensten Regionen der Welt gemeinsam durchgestanden haben. So fotografierte ich vor einigen Jahren in Tokio den Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe, und zwei Tage später stand der Termin mit dem Fotografen Nobuyoshi Araki an, doch kurz zuvor streikte die Kamera. Großes Drama. Der damalige Leica Store Chef Seiichi Moriya lieh mir glücklicherweise eine Kamera, ohne zu zögern, ohne auch nur irgendeine Sicherheit zu verlangen. Was für eine wunderbare Erfahrung.
Metamorphosis, Leica Picture of the Year 2024
Metamorphosis
Metamorphosis
Die jüngsten Arbeiten, die in der Ausstellung in Wetzlar ausgestellt werden, entstammen der Serie Metamorphosen; erstmals stehen hier keine Menschen im Mittelpunkt.
Ja, auch wenn keine Menschen zu sehen sind, so ist doch ein Thema, das sich durch meine Arbeiten zieht, geblieben: Veränderung, Vergänglichkeit. Mein Fokus liegt nun auf der Natur. Und das Faszinierende ist, dass sich die Farben verändern, oder die Strukturen. Sie werden plötzlich spröde oder bekommen eine große Tiefe. Es entsteht eine neue Schönheit, eine Verwandlung. In der Natur bleibt nichts, wie es ist. Werden, Vergehen und Entstehen. In den Metamorphosen sind alle Lebensphasen enthalten. Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander. Und die Zukunft liegt im Wiederwerden.
Vielen Dank für das Gespräch.
Herlinde Koelbl wurde am 31. Oktober 1939 in Lindau geboren. Nach einem Modedesignstudium entdeckte sie ab Mitte der 1970er-Jahre die Fotografie als ihr kreatives Ausdrucksmedium. In der Folgezeit begann sie neben Auftragsarbeiten für Magazine eine enorm produktive Veröffentlichungsreihe von selbstgestellten fotografischen Langzeitprojekten, die oft von Interviews begleitet wurden. Aus einigen Projekten resultierten auch Dokumentarfilme. Ihre einfühlsamen und oft philosophischen Interviews erschienen regelmäßig im ZEITmagazin. Im Kleinbildbereich arbeitet sie vor allem mit Leica Kameras, im Mittelformat auch mit einer Hasselblad-Kamera. Koelbl hat mehr als 20 Bildbände veröffentlicht und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit der Medal of Excellence (1987), dem Dr. Erich Salomon-Preis der DGPh (2001), dem Bundesverdienstkreuz am Bande (2009) und dem Bayerischen Verdienstorden (2013). Sie lebt und arbeitet in Neuried bei München. Mehr zum Werk von Herlinde Koelbl finden Sie auf ihrer Webseite oder auf ihrem Instagram-Account.
Die Ausgabe 8.2024 der LFI ehrt die Fotografin anlässlich des Leica Hall of Fame Awards mit einem Portfolio. In der Reihe der Leica Klassiker wurde sie bereits in der Ausgabe 8.2019 vorgestellt.