Cuba: City, Coast and Countryside
James Clifford Kent ist ein in London lebender Fotograf, der an der Royal Holloway University of London Vorlesungen über visuelle Kultur hält. Er erforscht Wege, wie sich Geschichten über Menschen mithilfe von Porträts und sozialen Dokumentationen erzählen lassen. Für seine fotografischen Projekte ist er in den letzten zwanzig Jahren regelmäßig nach Kuba gereist. Die dabei entstandenen Werke wurden international veröffentlicht.
Eine kubanische Frau und ihr Partner beim Abendessen während eines Stromausfalls in Cabaiguán.
Eine junge Kubanerin verkauft Salat auf der Straße in Havana.
Wie beeinflusst die Atmosphäre in Kuba die Art und Weise, wie Sie das Leben auf der Insel dokumentieren?
Ich werde oft gefragt, wie Kuba wirklich ist. Dabei denken viele sofort an den langweiligen aber populären Mythos von der „eingefrorenen Zeit“, während anderen bewusst ist, dass sich die Insel verändert.
Kuba ist tatsächlich ein einzigartiger Ort, der anders funktioniert als viele Industrieländer: Einstürzende Gebäude, eine marode Infrastruktur und die berühmten almendrones (amerikanische Oldtimer) gehören für Kubaner zum Alltag. Aber wie an anderen Orten auch, bleibt die Zeit nicht stehen. Die kubanische Kultur und Gesellschaft entwickelt sich ständig weiter und reagiert auf die Geschehnisse im Land und in der Welt.
Jede Reise dorthin ist anders, geprägt von der aktuellen Situation und den Herausforderungen, denen die Menschen gegenüberstehen, die auf der Insel leben und arbeiten.
Nahrungsknappheit, wachsende Ungleichheit und Inflation haben dazu geführt, dass Kubaner vor Kurzem auf die Straßen von Santiago de Cuba, der zweitgrößten Stadt der Insel, gegangen sind. Die berühmte Fähigkeit der Kubaner angesichts wachsender Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit zum “resistir y vencer” (zu widerstehen und zu überwinden), wurde ernsthaft auf die Probe gestellt. Viele gewöhnliche Menschen, die ich fotografiere, sprechen mit mir über “la lucha” (den täglichen Kampf) und “la necesidad” (die Notwendigkeit) – Themen, die in meinem fortlaufenden Langzeitprojekt “¡No hay más na’!” (es gibt nichts mehr) erforscht werden und das Menschen einfängt, die am Rande der Gesellschaft leben.
Die 65-jährige Caridad ‚Cary‘ Ribalta Oviedo. Sie lebt alleine mit ihren Tieren in einer ehemaligen Wäscherei, die von ihrer Familie – chinesischen Einwanderern aus Guangzhou (Kanton), geführt wurde und die sich Ende des 19. Jahrhundert in Kuba niedergelassen haben.
Eine junge kubanische Frau posiert für ein Porträt im Centro Habana.
Die 14-jährige María und ihr Husky Ori posieren für ein Porträt auf dem Heimweg von der Schule in Centro Habana. Wir haben ihn „Ori“ genannt – kurz für orinar (urinieren) – weil er überall hinpinkelt.
Warum haben Sie die Leica M11-P für diese Reise gewählt?
Die M11-P ist eine zuverlässige und widerstandsfähige Kamera, die für genau solche schwierigen Bedingungen gebaut wurde, wie sie auf einer tropischen Insel wie Kuba existieren. Die Kamera eignet sich ideal für die Art von Arbeit, die ich ausübe. Dank ihres diskreten Aussehens und des leisen mechanischen Verschlusses kann ich schnell und unauffällig arbeiten und mich auf die Dinge konzentrieren, die wichtig sind: Fotografieren und den Geschichten der Menschen zuhören.
Kuba ist als fotogenes und lebendiges Land bekannt. Der leistungsstarke Vollformatsensor und der große Dynamikbereich der Kamera ermöglichen es, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Realität ist. Das war auch bei der Arbeit unter schlechten Lichtverhältnissen der Fall, zum Beispiel bei abendlichen Stromausfällen auf dem Lande, als ich wusste, dass ich mich auf die Kamera verlassen konnte, um detaillierte Bilder aufzunehmen. Die in der Kamera integrierten Content Credentials – verschlüsselte Metadaten in Übereinstimmung mit der Content Authenticity Initiative (CAI) – sind eine wichtige Ergänzung für Fotografinnen und Fotografen, die authentische Geschichten erzählen wollen.
Anhänger der Pfingstbewegung nehmen an einer Taufe teil.
Eine Frau betet am Strand nach einer Taufe.
Welche M-Linsen haben Sie gewählt und aus welchem Grund?
Für diese Reise habe ich die Leica M11-P mit einem Summicron-M 1:2/35 ASPH. verwendet. Seitdem ich vor 10 Jahren angefangen habe mit dem M-System zu arbeiten, habe ich verschiedenste Objektive benutzt. Das 35mm-Objektiv eignet sich perfekt, um schnell zwischen der Aufnahme von dokumentarischen und porträtartigen Bildern zu wechseln.
Welche Geschichten verbergen sich hinter den Werken Ihrer Reise?
Wenn ich nach Havana zurückkehre, fühle ich mich immer wie zu Hause und ich sehe oft Menschen, die ich auf früheren Reisen fotografiert habe. Zum Beispiel begrüßten mich gleich nach meiner Ankunft in Havana mehrere Kinder, indem sie auf mich zugerannt kamen. Einer von ihnen war der 4-jährige William, dessen Familie ich ein Jahr zuvor in einem verlassenen Gebäude fotografiert hatte. Als er mich erblickte, sprang er auf mich zu. Er war gerade auf der Straße und verkaufte Gemüse aus einer Plastikkiste, gemeinsam mit anderen Kindern aus dem Gebäude, in dem sie lebten. Durch eine tragische Verkettung von Ereignissen wurde William in einem russischen Gefängnis geboren, kurz bevor seine Mutter zurück nach Kuba abgeschoben wurde. In den Augen der Behörden existiert er nicht. Seine Mutter sagte mir: „Es un niño fantasma.“ (Er ist ein Geisterkind).
Der 8-jährige Nailan wartet darauf, im Trainingsring zu trainieren.
Der 14-jährige Felipe posiert für ein Porträt vor dem Trainingsring im Fitnessstudio von José Alamo.
Eine der Personen, die regelmäßig in meinem NHMN-Projekt vorkommt, ist die 65-jährige Caridad ‘Cary’ Ribalta Oviedo. Sie lebt allein mit ihren Tieren in einer ehemaligen Wäscherei, die von ihrer Familie – chinesischen Einwanderern aus Guangzhou (Kanton) – geführt wurde und die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Kuba niedergelassen haben. Sie sagt: „Ich habe viele Erinnerungen an dieses Haus. Als Kind habe ich hier nach Einbruch der Dunkelheit gespielt, und es geschahen seltsame Dinge. Meine Geschwister und ich hörten Leute, die Eimer voll Wasser trugen, aber als wir nachsahen, war niemand da.“
An meinem letzten Tag in Havana bemerkte ich eine junge Frau namens María, die mit ihrem Husky spazieren ging. Meine Leica Kameras fielen ihr ins Auge. Sie blieb stehen, um zu plaudern und posierte später für ein Porträt vor einem Straßencafé. Stolz erzählte sie von ihrem Hund und verriet: „Wir haben ihn Ori genannt – kurz für „orinar“ (urinieren) – weil er überall hinpinkelt. Ich bemerkte sofort die starke Verbindung zwischen María und Ori. Das wollte ich festhalten.
José Alamo (Boxtrainer und Besitzer eines Fitnessstudios).
Nailan (8 Jahre alt).
Ich reiste auch über die Hauptstadt hinaus in abgelegene Teile der Südküste der Insel und fotografierte Fischer, Boxer und guajiros (kubanische Bauern) – jeder hatte eine Geschichte zu erzählen.
Seit 20 Jahren fotografiere ich meine Freunde Osvaldito Ríos & Ava Álvarez auf ihrem Familienbetrieb in einer abgelegenen Region von Sancti Spíritus. Die Farm ist seit Generationen in Familienbesitz. Sie wurde 1917 mit Holz aus der Region erbaut und beherbergte bis vor kurzem ein geschäftiges Tabakhaus (eine Scheune zum Trocknen von Tabakblättern). Da Osvaldito in letzter Zeit gesundheitlich angeschlagen war und es ihm an Unterstützung durch die örtlichen Landarbeiter mangelte, verfiel das Tabakhaus. Osvaldito sagte mir: „Wir arbeiten hart daran, Infektionskrankheiten zu verhindern und alles sauber zu halten. Aber die Zeiten sind hart. Die Landbesitzer werden alt und es ist wie eine Geisterstadt. Viele junge Leute haben die Insel verlassen.“ Trotzdem hat Osvaldito, der nächstes Jahr siebzig Jahre alt wird, nicht vor, sich zur Ruhe zu setzen. Er stellt weiterhin Milch und Käse auf seinem Hof her und fährt wöchentlich in eine nahe gelegene Stadt, um seine Produkte zu verkaufen. Er sagt: „Es ist ein ruhiges Leben auf dem Lande, und wie mein Vater vor mir werde ich weiterarbeiten, solange ich noch in der Lage bin, einen Finger zu heben.“
Osvaldito Ríos beim Herstellen von Käse auf seiner Farm.
Galleros (Hahnenkampf-Enthusiasten).
Gegen Ende meiner Reise unterhielt ich mich mit einigen Freunden in der Nähe der Kolonialstadt Trinidad, als plötzlich eine Gruppe von Pfingstanhängern an einem verlassenen Strand eine Taufe vollzog. Das war surreal und ich hatte so etwas zuvor noch nie gesehen. Als ich versuchte ein Foto aufzunehmen, wurde ich völlig durchnässt aber das war es definitiv wert.
Kuba ist ein Land, in dem man das Unerwartete erwarten kann.
Mehr zum Werk von James Clifford Kent Sehen Sie auf seinem Instagram-Account oder auf seiner Website.